Versicherungen: Technologie und Vermögensanlage

Mehr als vier Fünftel der in unserer jüngsten North American Insurance Survey befragten Anlageexperten von Versicherungen gaben an, die Technologie habe wenig oder keinen Einfluss auf ihre Anlagestrategien. Diese Einschätzung steht im Gegensatz zu der ihrer europäischen und asiatischen Kollegen und widerspricht auch unseren eigenen Erfahrungen. Bruce Porteous, Investment Director, Global Insurance, untersucht die Gründe für diese unterschiedliche Bewertung und welche Rolle die Technologie bei Anlagen von Versicherungen spielt. Darüber hinaus ist er der Meinung, dass regulatorische Entwicklungen US-Versicherer dazu zwingen werden, sich dem Rest der Welt anzupassen.

Die Technologie ist etwas, das gleichermaßen zu begeistern und abzuschrecken scheint. Jedem Technologieanhänger, der von künstlicher Intelligenz (KI) und ihren bahnbrechenden Möglichkeiten schwärmt, steht ein moderner „Maschinenstürmer“ gegenüber, der vor ihren Gefahren für unser Leben und gar die Menschheit als Ganzes warnt.

Aber ganz gleich, zu welcher Meinung Sie tendieren, werden Sie wohl kaum bestreiten, dass neue Technologien wesentliche Auswirkungen auf Ihre Branche oder die Art und Weise haben, wie Sie Ihr Unternehmen führen.

Stellen Sie sich also unsere Überraschung vor, als erfahrene Anleger aus der Versicherungsbranche in den USA, Kanada und den Bermudas im vergangenen Jahr genau das in Zweifel zogen. Als Führungskräfte hatten sie an der Aberdeen Standard Investments North American Insurance Survey teilgenommen, deren Ergebnisse im vergangenen Oktober veröffentlicht wurden.

Nichts von Bedeutung?

Unglaubliche 83 Prozent der Befragten erklärten, die Technologie habe keinen oder nur „geringen“ Einfluss auf ihre Anlagestrategie und ihren Managementansatz. Lediglich 3 Prozent erwarteten in dieser Hinsicht „wesentliche“ Auswirkungen durch technologische Entwicklungen.

Ähnliche Umfragen führen wir weltweit bereits seit 2015 durch. Diese auf den ersten Blick entspannte Haltung gegenüber der Technologie widerspricht jedoch den Ansichten der europäischen und asiatischen Anlageexperten im Versicherungsbereich. Insbesondere Lebensversicherungen auf dem alten Kontinent setzen verstärkt auf Technologie, um etwa ihre Vermögenswerte und Verbindlichkeiten besser aufeinander abzustimmen und ihre Anlagestrategien kapitaleffizienter zu gestalten.

Zudem hilft sie Anlagemanagern dabei, höhere risikobereinigte Erträge zu erzielen. Dieser Trend vollzieht sich vor dem Hintergrund einer Verschiebung zugunsten marktbasierter Bewertungsansätze für Vermögenswerte und Verbindlichkeiten, der Einführung von Solvabilitätsvorschriften, bei denen das Risiko im Vordergrund steht, und des seit zehn Jahren anhaltenden Niedrigzinsumfelds.

Fundierte Einblicke

Wie aber ist die abweichende Einschätzung der Spezialisten aus Nordamerika zu erklären? Ein Grund könnte die Umfragemethodik sein. Die Art und Weise, wie Fragen formuliert werden, lässt oftmals Mehrdeutigkeiten und Interpretationen zu. Möglicherweise waren die Befragten lediglich der Meinung, dass es länger dauern würde, bis vor allem unerprobte technologische Entwicklungen große Veränderungen bewirken.

Viele Kommentare, die wir im Rahmen unserer Umfrage erhielten, lauteten in etwa so: „Die für Fintech zuständigen Kollegen sitzen in der Abteilung strategische Entwicklung, die nicht zur Investment-Abteilung gehört. Dieses Team ist für das Thema Technologie zuständig und setzt sich bei Bedarf mit uns in Verbindung.“

KI-Algorithmen werden inzwischen zwar verwendet, um verschiedene Anlagestrategien zu erproben. Ausgereift sind sie aber noch nicht. Im Moment erleichtert die Technologie tendenziell den Anlageprozess, indem sie z.B. die Entscheidungsfindung unterstützt. Aber noch stößt sie keine großen Veränderungen an.

Vielleicht sind die Entscheider in nordamerikanischen Versicherungen auch eher daran interessiert, die technologischen Möglichkeiten in anderen Bereichen als der Vermögensanlage zu nutzen. So untersucht die Versicherungsbranche beispielsweise, wie „Big Data“ – also die Analyse riesiger Datenmengen zum Aufspüren von Mustern und Trends – zu Kundenakquise,

Schadensregulierung, Risikoversicherungen und Prämienberechnung beitragen kann. Möglicherweise sind Versicherungen in Nordamerika auch nicht dem gleichen Innovationsdruck ausgesetzt wie ihre Wettbewerber in anderen Ländern. In Europa entwickeln Versicherer zum Beispiel technologische Lösungen, um sich in einem wettbewerbsintensiven Markt Vorteile zu verschaffen, denn attraktive Anlagewerte sind ein knappes Gut.

„Der nordamerikanische Markt unterscheidet sich darin, dass dort ein geringerer Wettbewerbsdruck herrscht“, meint auch Gareth Mee, Partner bei Ernst & Young, und ergänzt: „Die meisten Versicherer (in Nordamerika) verfolgen etablierte Strategien für den Zugang zu Vermögenswerten, die zur Unterstützung ihrer Geschäftspläne benötigt werden.“

Die Rolle der Technologie überdenken

Unsere Erfahrungen aus der Analyse früherer Umfragen und den Gesprächen mit unseren Kunden auf der ganzen Welt zeigen uns, dass wir die Bedeutung der Technologie nicht unterschätzen sollten.

Dahingehend sollte nicht unerwähnt bleiben, dass rund 53 Prozent der Befragten aus den USA und Kanada ausdrücklich der Aussage zustimmten, der Versicherungsbranche würden in den nächsten zehn Jahren „umwälzende, technologiebedingte Veränderungen“ bevorstehen.

Kurzsichtig erscheint es uns allerdings, Technologie als etwas abzutun, „mit dem man sich später befassen kann“. Im Folgenden beleuchten wir drei Bereiche, in denen neue Technologien Versicherern und ihren Anlagemanagern bereits heute wertvolle Unterstützung bieten:

Datenmanagement

Daten – so ist immer wieder zu hören – sind das „neue Öl“. Informationen sind zu einem wertvollen Gut avanciert, für das es eine Unzahl an Verwendungsmöglichkeiten in vielen Branchen gibt. Wie ihre Kollegen in anderen Industriezweigen suchen Versicherer und deren Anlagemanager nach Mitteln und Wegen, detaillierte Datensätze zu sammeln und sinnvoll zu nutzen.

Hierfür bieten sich ihre Daten aus der Vermögensanlage an, die es ihnen ermöglichen, die damit verbundenen Risiken besser zu verstehen und zu steuern. Dieses Wissen trägt zum Aufbau effizienter Portfolios bei, bei denen die Cashflows eng auf die vorgegebenen Verbindlichkeiten abgestimmt sind und mit denen die Kapitalanforderungen eingehalten werden (siehe unten).

Darüber hinaus brauchen Versicherer einen schnelleren Zugriff auf Daten. In der Regel benötigen sie Auswertungen innerhalb von fünf Werktagen nach Monatsende, um die gesetzlichen Meldepflichten zu erfüllen und ihre Bilanzen zu steuern. Tatsächlich stehen einige Versicherer schon heute kurz vor einem Risiko- und Kapitalmanagement in Echtzeit.

Um diese Informationen rechtzeitig und zuverlässig bereitzustellen, benötigen sie eine operative Infrastruktur, Ressourcen und Rechenkapazitäten. Der Aufbau solcher Strukturen und Kapazitäten ist anspruchsvoll und teuer zugleich. Doch der Druck, Daten immer schneller und detaillierter zur Verfügung zu stellen, nimmt stetig zu.

Optimiertes Cashflow-Matching

Die Nachfrage nach Portfolios, deren Cashflows basierend auf vordefinierten Anlagebeschränkungen auf ein vorgegebenes Verbindlichkeitsprofil abgestimmt sind, ist groß. Das macht es zwingend erforderlich, Anlagemöglichkeiten zu finden, die zu bestimmten Zeiten feste Beträge liefern, um vorhersehbaren Verbindlichkeiten, wie z.B. regelmäßigen Rentenauszahlungen, nachkommen zu können.

Für die Nachfrage nach den passenden Anlagemöglichkeiten gibt es zwei Gründe.

Da wäre zunächst die Notwendigkeit, Anlageerträge zu erwirtschaften. In einem Niedrigzinsumfeld müssen Versicherer höhere Erträge aus ihrer Vermögensanlage generieren. Eine Anlage in unterbewerteten Vermögenswerten kann ihnen dabei helfen. So können sie etwa in Vermögenswerte investieren, die kurzfristig schwer zu kaufen und zu verkaufen sind und deshalb eine sogenannte „Illiquiditätsprämie“ bieten. Mit dieser werden Anleger für die geringere Flexibilität illiquider Anlagen entschädigt.

Aufsichtsrechtliche Bestimmungen wie das Versicherungsaufsichtsrecht (Solvency II) der Europäischen Union und der geplante Insurance Capital Standard (ICS) der International Association of Insurance Supervisors ermöglichen es Versicherern, die Illiquiditätsprämie zu nutzen, wenn sie die Cashflows ihrer Vermögenswerte und Verbindlichkeiten aufeinander abstimmen. Sie gewährleisten eine vorteilhafte Behandlung bei der Bewertung von Verbindlichkeiten, was zu einer geringeren Kapitalbindung führt. Der zweite Grund für diese Nachfrage ist das Risiko- und Kapitalmanagement. Versicherer, die die Cashflows aus ihren Vermögenswerten und Verbindlichkeiten aufeinander abstimmen und ihre Vermögenswerte langfristig halten, sind einem geringeren Marktrisiko ausgesetzt. Sie müssen daher weniger Kapital zur Deckung möglicher Anlageverluste vorhalten. Auch dieser Vorteil des Cashflow-Matchings wird durch Solvency II und ICS vorangetrieben.

Technologie kann dazu beitragen, ein solches Cashflow-Matching zu optimieren oder so effizient wie möglich zu gestalten. Software-Programme und Algorithmen filtern das infrage kommende Anlageuniversum, eliminieren ungeeignete Vermögenswerte und stimmen den Cashflow der Vermögenswerte auf die Verbindlichkeiten ab. Darüber hinaus führen sie komplexe versicherungsmathematische Berechnungen durch und entwickeln Anlageportfolios, die das zur Erfüllung regulatorischer Anforderungen vorzuhaltende Kapital minimieren.

Systematische Derivatestrategien

Das Niedrigzinsumfeld zwingt Versicherer, höhere Risiken einzugehen, um ihre Anlageziele zu erreichen. Deshalb ziehen immer mehr Versicherer Aktienanlagen in Betracht. Aufgrund der hohen Volatilität von Aktien müssen sie allerdings 40 Prozent des Marktwerts ihres Aktienengagements zur Absicherung vorhalten, um die Kapitalanforderungen gemäß Solvency II und die ICS zu erfüllen.

Um die mit Aktien einhergehenden Schwankungen zu dämpfen, können Versicherungen jedoch Derivate einsetzen. Mit sogenannten „Collar-Strategien“ lassen sich potenzielle Verluste begrenzen. Diese beinhalten den Kauf von Pu-Optionen, mit denen man das Recht erwirbt, Aktien innerhalb eines festgelegten Zeitraums zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Oder den Verkauf von Call-Optionen, die den Käufern das Recht einräumen, innerhalb eines bestimmten Zeitraums Aktien zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Solche Strategien können dazu beitragen, die Kosten für Put-Optionen zu decken und Verluste zu begrenzen.

Allerdings sind sich Aufsichtsbehörden und Versicherer nicht immer darüber, ob eine Derivate-Strategie langfristig tatsächlich die Volatilität senkt oder nicht. Dies ist insbesondere dann zweifelhaft, wenn sich die Strategie auf Urteilsvermögen und Ermessen stützt, die in Zeiten mit Marktstress mitunter keine guten Ratgeber sind. Das Problem lässt sich unter anderem dadurch umgehen, dass jeder Ermessensspielraum bei der Umsetzung einer Collar-Strategie durch vorgegebene systematische Regeln eliminiert wird. Hier kommt die Technologie ins Spiel, denn für die Ausgestaltung dieser Regeln werden umfangreiche Datenmengen und Tests benötigt. Auch systematische Regeln für den täglichen Handel erfordern den Einsatz moderner Technologien.

Die Vorteile sind erheblich. Die Anforderung, bei Aktienanlagen 40 Prozent des Kapitals zur Absicherung vorzuhalten, kann auf 20 Prozent reduziert werden, wenn eine systematische Derivate-Strategie zur Reduzierung der Volatilität zum Einsatz kommt. Diese schmälert die zu erwartenden Erträge nicht, sondern trägt vielmehr zu deutlich höheren risikobereinigten Erträgen bei.

Ausblick

Trotz unserer Umfrageergebnisse gehen wir davon aus, dass sich die Meinungen zur Technologie in der Versicherungsbranche angleichen werden. Die Anlageexperten im Versicherungsbereich in den USA dürften sich in ihrer Einschätzung zum Nutzen von Technologie ihren Kollegen in Europa und Asien annähern.

Aus unserer Sicht gibt es dafür zwei Gründe: Der erste hat mit regulatorischen Entwicklungen zu tun. Europas Solvency-II-Regelung gilt innerhalb der Branche als Goldstandard. Dieses Regelwerk treibt weltweit den regulatorischen Wandel voran und hat auch erheblichen Einfluss auf den geplanten ICS. Kanada und die Bermudas nähern sich bereits den europäischen Normen an, wohingegen sich die Amerikaner damit bislang schwerer tun.

Aber eine stärkere Angleichung ist nur eine Frage der Zeit, denn weltweit gelten die europäischen Regeln als vorbildlich für die Regulierung der Versicherungsmärkte von heute. Bewegen sich auch die USA in die Richtung, die Europa eingeschlagen hat, wird der Aufbau effizienter Vermögensportfolios für US-Versicherer zu einem neuen Schwerpunktthema. Und solche Portfolios sind ohne die entsprechende Technologie nicht möglich.

Der zweite Grund betrifft die Marktbedingungen. Überall wenden sich Versicherer angesichts von Niedrigzinsen illiquiden alternativen Anlageinstrumenten wie Unternehmens- und Immobilienkrediten oder Private Equity zu, um höhere Erträge zu generieren. Dies wird die Nachfrage nach Portfolios ankurbeln, deren Cashflows auf Verbindlichkeitenprofile abgestimmt und die kapitaleffizient sind, denn die europäischen Bestimmungen entwickeln sich mehr und mehr zum Standard. Auch hierbei wird die Technologie eine ganz zentrale Rolle spielen.

Technologie: Begeisterung oder Abschreckung? Die Beantwortung dieser Frage wäre ein Thema für einen weiteren Artikel. Ihre Bedeutung für die Anlageprozesse der Versicherer kann jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Risikohinweis
Risikohinweis - Der Kapitalwert von Anlagen und die durch die Investitionen erzielten Erträge können sowohl steigen als auch fallen. Möglicherweise erhält ein Anleger nicht den vollen Betrag seiner Investition zurück.