Eine neue Ära der Hoffnung

Govinda Finn, Japan and Developed Asia Economist, Standard Life Investments

Katapultiert die neue Kaiserära Japan wieder aus der unteren in die obere wirtschaftliche Liga?

Kaiser Naruhito hat den Chrysanthementhron bestiegen und damit die Reiwa-Ära für sein Land eingeläutet. Reiwa wird mit Wiedergeburt und Erneuerung in Verbindung gebracht – und so soll auch die Wirtschaft nach einem jahrzehntelangen Winterschlaf wieder aufblühen.

Der Reiwa-Ära ging die Heisei-Zeit voraus, die mit der Thronbesteigung durch Naruhitos Vater Akihito im Jahr 1989 begonnen hatte. Heisei bedeutet Frieden. Aus wirtschaftlicher Sicht war diese Zeit jedoch alles andere als friedlich, denn durch das Bersten der Immobilien- und Aktienblase geriet die japanische Wirtschaft so sehr ins Trudeln, dass sie sich bis heute noch nicht wieder vollständig erholen konnte.

Doch es gibt auch Anlass zu Optimismus. Die politisch Verantwortlichen haben einen Plan zur Belebung des Landes ausgearbeitet. Dabei streben sie ein dynamischeres wirtschaftliches Ökosystem an, das die Produktivität steigern und Innovationen vorantreiben soll. Wir haben vier Bereiche ermittelt, die für die Erfüllung der Reiwa-Versprechen unerlässlich sind.

Effizienzsteigerungen

Japans alternde Bevölkerung und die hohe Kapitalintensität (Verhältnis von Kapital zu Arbeit) erschweren es den politisch Verantwortlichen, das Wachstumspotenzial der Wirtschaft zu steigern. Da für eine Änderung dieser Dynamik nur begrenzter Spielraum zur Verfügung steht, liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Effizienz- und Produktivitätssteigerungen. Japanische Unternehmen erbrachten Anlegern mit die niedrigsten Erträge, da die Firmen ihre Barmittel horteten und Fremdverschuldung mieden. Um die Unternehmensleitungen zum Umdenken zu bewegen, hat die Regierung Stewardship- und Corporate-Governance-Standards eingeführt. Eine Verbesserung der Unternehmenspraktiken dürfte sowohl den Bilanzen als auch der operativen Effizienz zugutekommen. Heute schütten immer mehr Unternehmen ihr überschüssiges Kapital in Form von Dividendenerhöhungen und Aktienrückkäufen aus. Dies hat steigende Eigenkapitalrenditen (Return on Equity, RoE) nach sich gezogen, was auf eine zunehmende Kapitaleffizienz schließen lässt (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1:

Durchschnittliche Eigenkapitalrendite japanischer Unternehmen steigt

A new era of hope

Dennoch sind weitere Maßnahmen erforderlich, um verlustbringende Bereiche stillzulegen oder auszugliedern. Die Veräußerung von Nicht-Kerngeschäftsfeldern ermöglicht es Unternehmen, sich wieder profitableren Segmenten zuzuwenden, um so Erträge zu erwirtschaften. Daher ist die jüngste Zunahme der Private-Equity-Aktivitäten als positives Zeichen zu werten. Angaben von AVCJ (Asian Venture Capital Journal) zufolge ist die Zahl der Unternehmens-Buyouts durch Private-Equity-Firmen in den letzten sechs Jahren kontinuierlich gestiegen (siehe folgende Abbildung 2). Wir gehen davon aus, dass die regulatorischen Richtlinien zur Verbesserung der Governance und Eigenkapitalrendite weitere Private-Equity-Transaktionen zur Folge haben werden.

Abbildung 2:

PE transactions

Quelle: AVCJ, Aberdeen Standard Investments, 31. März 2019

Ein noch dringlicheres Problem für Japan stellt die Effizienz seiner rückläufigen Erwerbsbevölkerung dar. Die Regierung hat Reformen zur Arbeitsweise ins Leben gerufen, um die Arbeitsproduktivität zu steigern, und 1,5 Millionen Frauen dazu ermutigt, sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Kontroversere Arbeitsmarktreformen, die Anreize für Arbeitnehmer zur Reduzierung der Arbeitszeit umfassen, sind allerdings weniger von Erfolg gekrönt. Für den Arbeitskräfteeinsatz verheißt dies nichts Gutes. Die Regierung muss hier weitere Fortschritte erzielen, um das Produktivitätswachstum anzukurbeln.

Lockerung der Regulierung

Nachdem lange Zeit die Interessen einflussreicher Lobby-Gruppengewahrt wurden, zeigt Japan in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Bereitschaft zu umfassenden Freihandelsabkommen. Zwei wesentliche Vereinbarungen in diesem Bereich – das Freihandelsabkommen EU-Japan und die zwischen elf Ländern geschlossene Transpazifische Partnerschaft (Trans-Pacific Partnership, TPP) – haben z.B. den Agrarsektor des Landes geöffnet. In anderen wichtigen Sektoren wie Pharmazeutika und Versicherungen dürfte es durch diese Abkommen ebenfalls zu Umwälzungen kommen. Ein Deal mit den USA, der weniger umfassend ausfallen würde als die TPP, ist ebenfalls denkbar und könnte die einzelnen Sektoren der japanischen Wirtschaft noch stärker öffnen.

Eine Deregulierung ist auch in anderen Bereichen zu beobachten. Infolge des Erdbebens und des Tsunamis, die das Kernkraftwerk in Fukushima im Jahr 2011 zerstört und der Atomindustrie schweren Schaden zugefügt hatten, sucht die Regierung nach Möglichkeiten, den Energiemarkt zu reformieren. Gleichzeitig wirkt sich eine Lockerung von Bestimmungen erheblich auf die Tourismusbranche aus, da eine Reihe von Visabeschränkungen für Reisende aus Asien und dabei vor allem China aufgehoben wurden. Laut der Japan National Tourism Organization stieg die Zahl der Besucher von sechs Millionen im Jahr 2011 auf über 30 Millionen im vergangenen Jahr, womit die Erwartungen übertroffen wurden.

Ein im April diesen Jahres vom Parlament verabschiedetes Gesetz wird es fast 350.000 Ausländern in den nächsten fünf Jahren ermöglichen, in Japan zu arbeiten. Dadurch könnte sich der Anteil ausländischer Arbeitskräfte an der japanischen Erwerbsbevölkerung, der sich derzeit auf 2% beläuft, verdoppeln. Das Gesetz zielt auf 14 Branchen ab, in denen laut Regierung ein beachtlicher Arbeitskräftemangel herrscht. Leider wird der Schwerpunkt dabei zu sehr auf Tätigkeiten gelegt, die von angelernten oder geringqualifizierten Arbeitskräften ausgeführt werden können. Diese Tätigkeiten sind weder besonders produktiv noch tragen sie nennenswert zur Wertschöpfung bei. Die Regierung muss daher auch die Öffnung des produktiveren Teils des Arbeitsmarktes für ausländische Arbeitskräfte in Angriff nehmen.

Innovationen fördern

Will die Regierung mit ihrer als Abenomics bezeichneten Politik tatsächlich einen nachhaltigen Anstieg der Wirtschaftsdynamik Japans bewerkstelligen, so muss sie ihren Fokus auf die Gestaltung eines geeigneten wirtschaftlichen und regulatorischen Umfelds richten. Die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft rangiert im jährlich von der Weltbank veröffentlichten „Ease of Doing Business Index unter 190 Nationen lediglich auf Platz 39 und schneidet auch bei anderen das Unternehmertum betreffenden Kennzahlen schwach ab.

Die von der Regierung eingerichteten Sonderwirtschaftszonen haben dazu beigetragen, die Steuerlast zu senken und die Unternehmensgründung zu erleichtern. Eines der Ergebnisse ist eine innovative Start-up-Community in Fukuoka auf der Insel Kyushu, in der ausländische Unternehmer für sechs Monate leben und arbeiten können, bevor sie sich um ein Geschäftsvisum bemühen müssen. Das Global Startup Center der Stadt hilft Ausländern dabei, ein Bankkonto zu eröffnen, und steht ihnen mit Ratschlägen von Start-up-Gründern zur Seite. So können sie ihre Produktideen testen.

Innovationen sind erforderlich, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Erfreulicherweise hat die Zahl der Startup-/Venture-Capital-Deals im Frühstadium in den vergangenen sechs Jahren stetig zugenommen. Im letzten Jahr wurden Transaktionen im Umfang 640 Mio. USD getätigt – mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2013 (siehe Abbildung 3). Ausruhen kann sich die Regierung auf diesen Zahlen aber nicht, da sie auf relativer Basis dürftig ausfallen. Auch die Insolvenzraten in Japan sind ausgesprochen niedrig, was für eine Volkswirtschaft mit einem derart engen Arbeitsmarkt und einer unzureichenden Arbeitskräftemobilität allerdings keineswegs positiv ist.

Abbildung 3:

VC transactions

Quelle: AVCJ, Aberdeen Standard Investments, 31. März 2019

Besteuerung korrigieren

Das japanische Steuersystem ist problematisch. Die schrumpfende Erwerbsbevölkerung und die steigende Zahl der Rentner haben eine schwache fiskalische Dynamik zur Folge. Erschwerend kommt der Anteil an verlustbringenden Unternehmen hinzu, die keine Steuern zahlen. Somit tragen große, erfolgreiche Unternehmen den Löwenanteil der Steuerlast. Die von den politisch Verantwortlichen angestrebte Kombination aus niedrigeren direkten und höheren indirekten Steuern – in Form einer Mehrwertsteuererhöhung – halten wir für einen guten Mittelweg. Aber auch in diesem Bereich reichen die bisherigen Bemühungen nicht aus. Im Rahmen der ersten Abenomics-Welle wurden die Unternehmenssteuersätze von etwa 35% auf 29,6% gesenkt. Allerdings liegt der Satz in den meisten anderen asiatischen Volkswirtschaften immer noch niedriger, was einen Wettbewerbsnachteil für Japan bedeutet.

Um den Anteil der indirekten Steuern zu steigern, hat die Regierung für diesen Oktober eine Mehrwertsteuererhöhung von 8% auf 10% geplant. Dadurch werden zusätzliche 5,2 Bio. Yen (47 Mrd. USD) in die Staatskassen gespült. Angesichts der augenscheinlich verhaltenen Wachstumsdynamik ist dieser Schritt allerdings umstritten. Die Regierung hat das Problem zwar erkannt und zur Minderung der Folgen ein Ausgabenpaket über 5,5 Bio. Yen (50 Mrd. USD) auf den Weg gebracht, die in die Vorschulbildung, Steuerfreibeträge für Wohnen, Gebrauchsgüter, einmalige Zuwendungen sowie zusätzliche Sozialversicherungsausgaben fließen sollen. Wir befürchten aber, dass dies nicht ausreichen wird, da es sich hierbei um eine Eins-zu-Eins-Lösung mit wenig Spielraum im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses handelt.

Gleichwohl dürfte sich die Steuererhöhung weniger negativ auf die Konsumausgaben auswirken als die Steuererhöhung im Jahr 2014, da sie nicht so hoch ausfällt und eher Mitte statt Ende des Fiskaljahres vorgenommen wird. Die Regierung hofft zudem, dass die oben erwähnten Ausgleichsmaßnahmen, eine Erholung der globalen Wirtschaftsaktivität in der zweiten Jahreshälfte und die Ausgaben in Verbindung mit den Olympischen Spielen 2020 eine schnellere Erholung als bei früheren Steuererhöhungen nach sich ziehen werden.

Fazit

Die politisch Verantwortlichen in Japan verfolgen einen guten Plan. Allerdings sehen sie sich mit einer Herausforderung konfrontiert, die nicht unterschätzt werden sollte. Die Bevölkerungszahl nimmt jährlich um 400.000 ab, wohingegen der Anteil an über 65-Jährigen mit 28% so hoch liegt wie in keinem anderen Land der Welt und weiter steigt. In einer von Wachstum dominierten Welt stellt die demografische Entwicklung im Inland einen erheblichen Nachteil für Japan dar. Die Behörden müssen ihr Augenmerk auf die Kapital- und Arbeitsproduktivität richten. Über die Effizienz des Inputs lässt sich das Wachstum beflügeln. Es muss eine stärker auf Innovationen ausgerichtete Kultur gefördert werden mit Wertschöpfung in bisher brach liegenden Bereichen.

In den meisten Umfragen geben japanische Unternehmen Kostensenkungen als Grund für Investitionen in neue Technologien an. Nur wenige von ihnen investieren, um neue Produkte zu gestalten oder Märkte zu erschließen. Japan muss sich seinen Platz unter den Technologiepionieren zurückerobern, den das Land zu Beginn der Heisei-Ära vor drei Jahrzehnten innehatte.

Wenn die Unternehmen die Barmittel in ihren Bilanzen nur als Ersatz für Arbeitskräfte sehen, so wird sich nicht viel ändern. Sie müssen in Technologie investieren, um Mehrwert zu schaffen. Damit können sie zu Japans Wiedergeburt in der Reiwa-Ära beitragen.

Risikohinweis
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