Auf die kleinen Dinge kommt es an

Myron Zhu, Co-Head of Private Equity Asia Pacific, Alternatives

Klein ist fein

Die Marke Chow Tai Seng (CTS) dürfte kaum jemandem außerhalb Chinas bekannt sein. Das Unternehmen mit Sitz in Shenzhen stellt Schmuck her, den es über ein aus mehr als 2.000 Geschäften bestehendes Filialnetz vornehmlich in kleineren Städten in China vertreibt.

Das 1999 gegründete Unternehmen erfreute sich eines hohen Wachstums mit einem Franchise-Konzept. Der Börsengang in Shenzhen im Jahr 2017 machte den Gründer und Chairman des Unternehmens Zhou Zongwen zum Dollar-Milliardär.

Wir lernten die Firma im Rahmen einer Private-Equity-Finanzierungsrunde kennen, an der wir uns beteiligten. Damals war es ein kleines Unternehmen, das sich die Finanzierung der nächsten Entwicklungsphase sichern wollte.

Das Beispiel von CTS gibt einen Eindruck davon, was sich derzeit in China abspielt. Es handelt sich um ein wachstumsstarkes Unternehmen, das in weniger als zwei Jahrzehnten eine Marktkapitalisierung von fast 2 Mrd. US-Dollar erreicht hat, indem es zyklische Konsumgüter in der Peripherie des Landes anbietet. Zudem ist es ein Privatunternehmen, das keine Verbindungen zur Regierung hat.

China wird von vielen noch immer als zentral geplante Volkswirtschaft mit einer dominierenden Schwerindustrie und unzähligen Fabriken, die geringwertige Güter für den Export produzieren, betrachtet. Das stimmt nur noch zum Teil.

Verborgene Stärken

Aktuelle Zahlen sind zwar schwer zu bekommen, doch laut einer Studie der Pariser Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) machten kleine und sogenannte „Micro“-Unternehmen im Jahr 2013 rund 97 Prozent aller Unternehmen aus, waren für 80 Prozent der städtischen Beschäftigung verantwortlich und erwirtschafteten 60 Prozent des BIP1.

Mehr als 60 Prozent der kleinen Unternehmen (ohne Selbständige) waren dabei laut der OECD-Studie im Dienstleistungssektor tätig. Ein Jahr später, 2014, stammten knapp 79 Prozent der neu registrierten Unternehmen ebenfalls aus dem Dienstleistungssektor.

In China gibt es keine klare Definition für kleinere und mittlere Unternehmen. Das Nationale Statistikbüro definiert sie anhand der Beschäftigtenzahl und des Betriebsergebnisses, wendet jedoch unterschiedliche Schwellenwerte für verschiedene Branchen an. Als „mittlere“ Unternehmen stufen wir in der Regel Firmen mit einem Unternehmenswert von 250 Mio. bis 500 Mio. US-Dollar ein.

Im mittleren Segment sind Konsum-, Technologie- und Gesundheitsunternehmen vertreten, die massiv vom steigenden Konsum in China profitieren. Der Binnenkonsum bietet Anlegern einen gewissen Schutz gegen den Trend zum Protektionismus.

Suche nach Start-ups

Vor allem junge, wachstumsstarke Technologieunternehmen begeistern uns. Tencent (1998 gegründet), Alibaba (1999 gegründet) und Baidu (2000 gegründet) sind zwar inzwischen bekannte, börsennotierte Konzerne, waren aber zu Beginn auf Private Equity angewiesen. Viele Firmen zögern den Börsengang nun länger hinaus, damit die privaten Anteilseigner stärker von der Wertschöpfung profitieren.

Von der Nachahmung zur Innovation

From “copycats” to real innovation

Quelle: Aberdeen Standard Investments, 31. August 2018
© ist Eigentum der juristischen Personen, die in den einzelnen Logos genannt sind. Die Unternehmensangaben dienen nur zur Veranschaulichung des Managementstils von Aberdeen Standard Investments und dürfen nicht als Anhaltspunkt für die Wertentwicklung oder als Aufforderung zum Kauf der Unternehmen verstanden werden.

Vielleicht gelingt einem Unternehmen wie SenseTime der nächste große Wurf. Der nicht börsennotierte Anbieter von Gesichtserkennungstechnologie beendete im Mai 2018 eine Private-Equity-Finanzierungsrunde, bei der das Unternehmen mit 4,5 Mrd. US-Dollar bewertet wurde. SenseTime wurde 2014 gegründet.

Kleineren Unternehmen mit innovativen Technologien bieten sich enorme Möglichkeiten. So gibt es beispielsweise viel Raum für Verbesserungen im öffentlichen Gesundheitssystem Chinas, insbesondere angesichts einer alternden und zugleich wohlhabenderen Bevölkerung.

Die städtischen Konsumenten sind offenbar bereit, mehr Geld für hochwertige Waren und Dienstleistungen zu zahlen. Die Lebensgewohnheiten ändern sich, und es wird mehr für die Bequemlichkeit ausgegeben, wodurch sich auch die Beliebtheit von Essensliefer-Apps wie Ele.me (2008 gegründet) erklärt. Damit werden Schätzungen zufolge täglich fast 20 Millionen Bestellungen abgewickelt.

Staffelübergabe

Viele kleinere und mittlere Unternehmen haben einen Wendepunkt erreicht. Ältere Unternehmer, die vor Jahren ein Unternehmen gründeten, haben Schwierigkeiten bei der Nachfolge. Die wegen der inzwischen abgeschafften Ein-Kind-Politik als Einzelkinder aufgewachsenen Nachkommen haben möglicherweise kein Interesse daran, das Familienunternehmen zu übernehmen, und einige Unternehmensgründer beabsichtigen, zum ersten Mal an Außenstehende zu verkaufen. Das ist eine gute Nachricht für Private-Equity-Investoren.

Aber es gibt natürlich Risiken. Einige gelten speziell für das Private-Equity-Segment, zum Beispiel die Schwierigkeit, geeignete Manager zu finden, die das Unternehmen nach einem Verkauf an Private-Equity-Investoren führen. Schlechte Corporate Governance- und Rechnungslegungsstandards sind hingegen Risiken, die auch andere Anlageklassen betreffen. Hierzu zählt auch das Risiko von Verzögerungen bei der Rückführung von Gewinnen, wenn Devisenkontrollen eingeführt werden. Bei der Suche nach den besten Anlagemöglichkeiten sollte man sich über diese Risiken im Klaren sein.

1 ‘China (People’s Republic of)’, in Financing SMEs and Entrepreneurs 2016: An OECD Scoreboard, OECD Publishing, Paris 

Risikohinweis
Risikohinweis - Der Wert jedes Investments und die Einkünfte daraus können sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise weniger als den investierten Geldbetrag zurück.