Chinesische Anleihen: Schutz im Sturm

Jüngstem Research zufolge könnten rund 140 Mrd. USD in den Markt für chinesische Onshore-Anleihen fließen, nachdem der Indexbetreiber FTSE Russell von der chinesischen Regierung begebene Papiere in einen seiner vielfach beachteten Referenzindizes aufgenommen hat.1

FTSE Russel kündigte diese Änderungen an seinem World Government Bond Index (WGBI) am 25. September an. Die Aufnahme chinesischer Staatsanleihen ist, vorbehaltlich der abschließenden Genehmigung, ab nächstem Jahr geplant. Mit dieser Entscheidung folgt das Unternehmen dem Beispiel der Betreiber des Bloomberg Barclays Global Aggregate Index und des J.P. Morgan Government Bond Index – Emerging Markets.

Zusätzliche Engagements ausländischer Anleger in China scheinen angesichts der derzeit zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China kontraintuitiv. Es handelt sich hierbei um eine strategische Rivalität mit dem Ziel, die Entkopplung der beiden größten Volkswirtschaften weltweit voranzutreiben, indem Handels- und Anlagebarrieren erhöht werden. Im Vorfeld einer der umstrittensten US-Präsidentschaftswahlen aller Zeiten scheint die Notwendigkeit einer strengeren Haltung in Bezug auf China der einzige Punkt zu sein, auf den sich Demokraten und Republikaner einigen können.

Gleichwohl ist ein starkes Interesse seitens internationaler Anleger, so etwa Staatsfonds und australische Pensionskassen, an auf den Renminbi lautenden chinesischen Staatsanleihen zu beobachten. Dieses Interesse hat den Anteil ausländischer Beteiligungen auf ein Rekordniveau steigen lassen, wenn auch ausgehend von einer niedrigen Basis. Auf ausländische Anleger entfielen per Ende August etwa 2,8 Bio. RMB (413,8 Mrd. USD) des insgesamt 110 Bio. RMB schweren Marktes.2

Anleger aus Europa, Lateinamerika und Australien haben ihre bestehenden Engagements bei A-Aktien (Papiere, die an den Börsen auf dem chinesischen Festland notiert sind) um Anlagen in Staatsanleihen des Landes ergänzt. Diese Anleger erkennen die Relative-Value-Chance bei diesen Titeln. So weisen 10-jährige chinesische Staatsanleihen beispielsweise eine Rendite von 3,12% auf, wohingegen es bei 10-jährigen US-Treasuries nur 0,67% sind.3

Die Renditen sind höher, obschon es den Anschein hat, dass sich China als erste wichtige Volkswirtschaft von den pandemiebedingten Lockdown-Maßnahmen, welche das Wachstum in diesem Jahr in Mitleidenschaft gezogen haben, erholen wird. Der Fokus der Geldpolitik in China verlagert sich wieder in Richtung Finanzstabilität (im Gegensatz zu Stimuli). In den letzten Monaten hat die straffere Geldpolitik – Begrenzung der im Finanzsystem zur Verfügung stehenden Liquidität – zu einen Anstieg der Renditen chinesischer Anleihen auf vor der Pandemie verzeichnete Niveaus geführt. Im Vergleich dazu sinken die Renditen an anderen wichtigen Anleihenmärkten infolge der geldpolitischen Lockerung in diesen Ländern.

Zugegebenermaßen erscheinen die Renditen unter Berücksichtigung von Absicherungskosten zur Minderung des Währungsrisikos beim Kauf von Finanzinstrumenten aus relativer Sicht nicht mehr ganz so attraktiv. Doch der von chinesischen Staatsanleihen gegenüber den Staatsanleihen der Industrieländer gebotene Renditeaufschlag stellt einen Puffer gegen weitere Marktvolatilität dar. Dies ist in reifen Volkswirtschaften, in denen sich die Zinsen bereits nahe Null bewegen, die Staatsanleihenrenditen vernachlässigbar sind und den Zentralbanken im Hinblick auf die Geldpolitik die Möglichkeiten ausgehen, nicht der Fall.

China ist sehr interessiert daran, den Renminbi stabil zu halten. Das Land toleriert seit 2014 einen stärkeren Einfluss der Marktkräfte auf die Wertentwicklung des Yuan mit dem Ziel, dass der Währung eine größere Rolle im Welthandel und bei internationalen Investitionen zukommt. Gleichwohl bewegt sich der Renminbi innerhalb der von den politisch Verantwortlichen festgelegten Spannen, die damit versuchen, etwaige überschüssige Volatilität zu mindern. Eine deutliche Abwertung des Renminbi würde den Vorwurf der Währungsmanipulation nähren und dadurch die bestehenden Spannungen mit den USA verstärken.

Indes verfügt die People‘s Bank of China – die Zentralbank des Landes – über die nötigen Mittel, um einen Liquiditätsverlust infolge eines plötzlichen Rückzugs ausländischer Anleger aus dem Anleihenmarkt auszugleichen. Der staatliche Einfluss innerhalb des Bankensystems stellt nach wie vor einen starken politischen Hebel dar, der dazu beitragen kann, die Anleihenkurse im Falle von Marktstörungen aufgrund von Mittelabflüssen zu stützen.

Anders als chinesische Unternehmen an den Aktienmärkten konnte sich der Anleihenmarkt der Kritik und dem Misstrauen seitens ausländischer Anleger bislang entziehen

Anders als chinesische Unternehmen an den Aktienmärkten konnte sich der Anleihenmarkt der Kritik und dem Misstrauen seitens ausländischer Anleger bislang entziehen. Es ist denkbar, dass sich der Fokus letzten Endes auf chinesische Staatsanleihen verlagern wird, sollte sich die Beziehung zwischen den USA und China noch weiter verschlechtern. Aktienanlagen dürften jedoch weiterhin anfälliger reagieren angesichts der politischen Debatten um das Thema „Reshoring“. Damit ist die Rückführung der Produktionskapazitäten eines Unternehmens in dessen Heimatland gemeint.

Tatsächlich sind unsere Kollegen vom Multi-Asset-Team der Ansicht, dass chinesische Staatsanleihen die beste Absicherung gegenüber A-Aktien darstellen. Chinesische Staatsanleihen und A-Aktien können dazu genutzt werden, das Risiko des jeweils anderen Wertpapiers auf kurze Sicht zu mindern, während auf lange Sicht gleichzeitig potenziell positive Erträge erwirtschaftet werden. Die Beziehung ähnelt jener zwischen dem S&P 500 und US-Treasuries in der Vergangenheit.

Es besteht das Risiko, dass die Märkte die tiefere strukturelle Entkopplung, die sich zwischen den USA und China abzeichnet, unterschätzen (oder nicht in der Lage sind, diese angemessen zu bewerten). Dabei handelt es sich um einen langfristigen Prozess, der sich auf die Globalisierung, die Mittelflüsse und den technologischen Fortschritt auswirken wird. 

Chinesische Staatsanleihen bleiben jedoch weiterhin vergleichsweise geschützt. Während die Aufnahme dieser Wertpapiere in den WGBI weitere passive Engagements nach sich ziehen dürfte, bestehen zahlreiche Gründe für Anleger, sich aktiv mit dieser Anlageklasse auseinanderzusetzen.

1 Reuters, China bond inclusion in WGBI may drive $140 billion in inflows: Goldman Sachs, 8. September 2020

2 Bond-Connect-Webseite und WIND, September 2020

3 Bloomberg, 17. September 2020

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