Chinas Wachstum übertrumpft Handelskrieg

Die Zeit scheint nicht gerade günstig, um China-Aktien anzupreisen. Das Riesenreich führt einen erbitterten Handelskrieg mit den USA und war im letzten Jahr das Schlusslicht unter den großen Märkten der Welt.

Zudem ist der chinesische Markt ineffizient. Für 80% des Handelsumschlags an den Börsen des Landes, die noch bis vor Kurzem für ausländische Investoren tabu waren, sind Kleinanleger verantwortlich. Bei ihren Entscheidungen neigen sie dazu, sich von Schlagzeilen statt nüchternen Unternehmensanalysen beeinflussen zu lassen. Das Ergebnis ist ein schwankungsanfälliger, von Stimmungen getriebener Markt.

Anlegern eröffnet das jedoch auch Möglichkeiten, Aktien guter Unternehmen unter ihrem fairen Wert zu erwerben. Denn schnell kann die Stimmung umschlagen. Zwei Faktoren, die eine Trendwende bewirken könnten, sind ein Handelsabkommen mit den USA und die Aufnahme Chinas in globale Indizes.

Unter einem langwierigen Handelskonflikt würden die Gewinne der Unternehmen leiden. Zölle wiederum schmälern die Erträge von Unternehmen, die von globalen Lieferketten profitieren. Viele von diesen sind an US-Börsen notiert, was möglicherweise auch ein Grund für die Talfahrt des S&P 500 Index im letzten Dezember war. Es liegt im Interesse beider Seiten, diesen Streit beizulegen. Beschleunigen könnte das ein weiterer Ausverkauf an den Märkten. Schon jetzt riskiert Präsident Trump wütende Proteste von Republikanern aus dem ländlichen Raum, denen die Zölle der Chinesen zusetzen.

Wir gehen davon aus, dass die Gespräche fortgesetzt werden und ein Abkommen zustande kommt - zumal die nächsten Präsidentschaftswahlen schon ihre Schatten vorauswerfen. Ein wie auch immer geartetes Abkommen wird voraussichtlich positiv vom Markt aufgenommen und den Unternehmen mehr Klarheit in Bezug auf ihre Umsatzperspektiven und Investitionspläne verschaffen.

Zugleich verdoppelt der globale Indexanbieter MSCI die Zahl chinesischer Aktien - oder A-Aktien - in seinem Schwellenländerindex. Schon in fünf Jahren könnte ihr Anteil Schätzungen zufolge auf 20% gestiegen sein. Dies hätte Mittelzuflüsse seitens ausländischer Fonds zur Folge, die den Index passiv nachbilden.

Dabei handelt es sich um langfristiges Kapital, das dauerhafter wirken dürfte als die derzeit stimmungsgetriebenen Mittelflüsse. Es hat auch zur Folge, dass sich chinesische Unternehmen an globale Rechnungslegungsstandards und Best Practices halten müssen. Bessere Standards im Hinblick auf die Unternehmensführung verbessern tendenziell die Entwicklung und helfen, Werte für die Aktionäre zu schaffen. Anleger sollten nach unserer Einschätzung bei dieser Entwicklung ganz vorne mit dabei sein.

Zurück in die Zukunft

Warum also in China anlegen? Die Antwort ist das Wirtschaftswachstum. Wiederholter Berichte über eine Konjunkturabkühlung im Reich der Mitte zum Trotz wächst die chinesische Wirtschaft immer noch um über 6% pro Jahr – schneller als die Industrieländer. Zu Jahresbeginn gingen die Konsensprognosen für dieses Jahr von einem Gewinnwachstum von 15% für A-Aktien aus. Ein solches zweistelliges Wachstum dürfte nicht an allzu vielen Märkten zu finden sein.

Auch die Perspektive ist wichtig. Einst trugen China und Indien die Hälfte zum globalen BIP-Wachstum bei, bis die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert die USA und Westeuropa erfasste und die beiden Erstgenannten zu einer statistischen Randnotiz machte.

Es sollte bis 1978 dauern, bis die Reformer der Kommunistischen Partei einen Prozess der Industrialisierung und Urbanisierung beispiellosen Ausmaßes in Gang setzten. Heute ist das Reich der Mitte nominal die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

In 30 Jahren dürfte Prognosen zufolge wieder etwa die Hälfte des Weltwirtschaftswachstums allein auf China und Indien entfallen. Das käme einer Rückkehr zum Mittelwert par excellence gleich.

Heute leben 60% der Chinesen in Ballungsräumen – mit steigender Tendenz. Immer mehr Menschen zieht es auf der Suche nach besseren Arbeitsplätzen, besserer Gesundheitsversorgung und Bildung in die Städte. Damit einhergeht, dass die Menschen wohlhabender sind. Im Jahr 1960 lag das Pro-Kopf-BIP in China bei 100 USD. Heute sind es 7.500 USD und in Shanghai sogar 20.000 USD.

Etwa 39% der Bevölkerung werden heute zur Mittelschicht gerechnet – 1999 waren es nur 2%. Das entspricht einer halbe Milliarde Verbraucher. Auch hat sich die Lebenserwartung seit 1960 auf heute 76 Jahre mehr als verdoppelt.

Steigender Wohlstand und Lebensstandard bedeuten, dass in China die Nachfrage nach höherwertigen Waren und Dienstleistungen wächst. Anleger können in börsennotierte Unternehmen investieren, denen dieses strukturelle Wachstum zugutekommen dürfte. Wir haben Qualitätsaktien in Bereichen wie Reisen, Lebensmittel und Getränke, Luxusgüter und chinesische Medizin gefunden.

Zudem zeichnen sich Chinas Börsen durch eine geringe Korrelation zu den globalen Märkten aus. Chinas Politiker steuern die Wirtschaft weg von reiner Produktion und Export hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf Binnenkonsum und Dienstleistungen. Letztere tragen inzwischen mehr als die Hälfte zum BIP-Wachstum des Riesenreiches bei.

Auf die Binnenwirtschaft konzentrierte Firmen sind globalen Wirtschafts- und Zinszyklen weniger stark ausgesetzt. Zudem reagieren sie unempfindlicher auf die schlimmsten Folgen des Handelskrieges. Somit kann ein Engagement bei chinesischen A-Aktien wertvolle Diversifizierungsvorteile für ein Portfolio mit sich bringen. Anleger, die bereit sind, den aktuellen Handelskrieg auszublenden und sich auf langfristige Chancen zu konzentrieren, sind also gut aufgestellt, wenn sie auf den weiter wachsenden Konsum in China setzen.

Risikohinweis
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