CHINA ZEIGT ERSTE ANZEICHEN VON ESG-FORTSCHRITTEN

Regulatorische Änderungen und allmähliche Verbesserungen bei der Offenlegung und Einbindung von Anteilseignern geben den Anlegern Grund zur Zuversicht.

China hat einige der am stärksten verschmutzten Städte der Welt, einschließlich seiner Hauptstadt. Daher wirkt es fast wie Ironie, dass die asiatische Corporate Governance-Vereinigung unlängst für ihre jährliche Konferenz für Umwelt-, soziale und Governance-Fragen (Environmental, Social and Governance, ESG) ausgerechnet Peking als Schauplatz wählte.

Ich war mit im Gedränge bei dem Ereignis. Es war gerammelt voll mit lokalen und ausländischen Vermögensverwaltern, Banken, Börsenmaklern, Vorstandsmitgliedern, Geschäftsführern, Unternehmensvertretern und gemeinnützigen Organisationen. Dieser Rummel spiegelt wider, wie das Bewusstsein für ESG zunimmt.

Die Veranstaltung wurde dominiert von Gesprächen über die Einbindung von Anteilseignern und Corporate Governance. Unter anderem legte die Vereinigung ihren ersten Governance-Bericht für China vor und sprach Themen an, die speziell das Festland betreffen.

Im Verlauf der Sitzungen wurde schnell klar, dass die Investoren und Anlagenbesitzer in China noch viel zu lernen haben, wenn es darum geht, ESG-Faktoren in ihre Anlageentscheidungen zu integrieren.

Zunächst einmal setzt sich der einheimische Aktienmarkt hauptsächlich aus Privatanlegern zusammen, denen nicht besonders daran gelegen ist, aktiv mit den Unternehmen ESG-Fragen zu erläutern. Aber auch institutionelle Vermögensverwalter können in China ähnlich gleichgültig sein.

Angesichts der Tatsache, dass ESG-Fragen in den zahlreichen lokalen Anlegerforen kaum erwähnt werden, sollte einen das auch nicht wundern. Die breite Mehrheit macht es sich auf dem aktiven ESG-Management einer kleinen Minderheit von Anlegern bequem, meist ausländischen Fondsgesellschaften mit Long-Only-Positionen.

Außerdem sind einige hausgemachte Hindernisse zu überwinden. Zum Beispiel fehlt ein unterstützendes einheimisches Ökosystem, wie ein formeller regulatorischer Rahmen, der den Anlegern und Vermögenden bei der Integration von ESG in ihren Anlageentscheidungen Orientierung gibt.

Für viele chinesische Firmen bleibt die ESG-Berichterstattung eine reine Pflicht- und Compliance-Übung. Dabei gibt es wenig Wertschätzung dafür, wie sie einen sinnvollen Beitrag zur Risikosteuerungs-Due Diligence oder zu langfristigen Verbesserungen der Unternehmensentwicklung leisten kann.

Die Eigentumsstrukturen können in China ebenso konzentriert wie kompliziert sein, mit Partnerschaftsstrukturen und Überkreuzbeteiligungen, bei der Unternehmen an Gesellschaften beteiligt sind, die wiederum an ihnen beteiligt sind – mit der Gefahr von Interessenkonflikten. Außerdem hat das chinesische Rechtssystem im Vergleich zu den Industrieländern Nachholbedarf, wenn es darum geht, die Interessen von Minderheitsaktionären zu schützen.

Aus globaler Sicht ist es auch nicht gerade hilfreich, dass es an zuverlässigen Daten zu ESG-Erwägungen wie Personalfluktuationsraten, Emissionskennzahlen und Wasserverbrauch mangelt.

Die beiden wichtigsten Datenanbieter sind MSCI und Sustainalytics, doch ihre ESG-Bewertungen für dieselben Unternehmen stimmen häufig fast gar nicht überein. Das lässt bei ohnehin skeptischen Anlegern Fragen zur Subjektivität solcher Bewertungen aufkommen.

Lichtblicke

Wir sehen dennoch einige Lichtblicke. Im April dieses Jahres kündigte die China Securities Regulatory Commission (CSRC) Änderungen an den Corporate Governance-Regeln an. Dazu zählen eine strengere Regelung hinsichtlich Dividenden und der Offenlegung von Informationen, besserer Schutz für Kleinanleger und mehr formalisierte Regeln und Zuständigkeiten für Vorstände.

Ermutigender Weise hatte die Börse in Shanghai (SSE) schon vor der offiziellen Verkündung durch die CSRC die bei ihr notierten Unternehmen angewiesen, einige dieser Praktiken zu befolgen.

Der Fortschritt der Börse bei Corporate Governance im Laufe der Jahre stimmt optimistisch. SSE-Vertreter bestätigten bei der Konferenz auf Grundlage interner Daten, dass der Anteil der Aktien eines Unternehmens, der von den größten Aktionären gehalten wird, ist bei SSE-notierten Unternehmen in den letzten Jahren stetig von 40% auf 30% Mitte November gesunken ist. Daraus lässt sich ein positiver Trend bei der Diversifizierung bei Unternehmensbeteiligungen ableiten.

Sie stellten außerdem fest, dass im gleichen Zeitraum die Anzahl der unabhängigen Vorstandsmitglieder im Vorstand SSE-notierter Unternehmen erheblich gestiegen sei - um durchschnittlich 33% und in vielen Fällen sogar noch deutlich mehr.

Außerdem sehen wir, dass sich die internationale Erfahrung und die relevanten Kompetenzen der unabhängigen Vorstandsmitglieder verbessern. Die Vertreter sagten, dass etwa 60% der SSE-notierten Unternehmen jetzt Mitarbeiterbeteiligungsprogramme hätten, die zu einer besseren Abstimmung zwischen den Interessen der Geschäftsleitung und der Arbeitnehmer führten.

Die Dividenden haben sich ebenfalls verbessert, da die Unternehmen jetzt vermehrt formalen Ausschüttungsrichtlinien folgten, wo sie zuvor keine gehabt hatten. In den fünf vorausgegangenen Geschäftsjahren, die zum 31. März 2017 endeten, seien die Dividendenauszahlungsraten bei Blue Chip-Unternehmen auf 30% und mehr gestiegen, gaben die Vertreter an.

SSE-notierte Unternehmen würden auch mehr Informationen offenlegen, da sie die zunehmende weltweite Dynamik bei Geldanlagen nach ESG-Kriterien erkannt hätten. Die SSE-Vertreter erklärten, dass etwa 500 bis 600 chinesische Unternehmen jetzt Corporate Social Responsibility-Berichte veröffentlicht hätten, in denen sie ihre Einstellung zu Nachhaltigkeit, ihre Ambitionen zur Reduktion ihres CO2-Abdrucks und die zur Beseitigung von ESG-Risiken eingerichteten Rahmenbedingungen erläutern.

„Die zunehmende Erkenntnis, dass wir nicht nur als kurzfristige Investoren in China sind, trägt dazu bei, unseren Dialog mit den Unternehmen, in die wir investieren, zu verbessern.“

Zwar sind dies nur erste Schritte, doch verstehen wir sie als Zeichen des Fortschritts, die für die Zukunft Gutes verheißen. Wir sehen, dass die Unternehmen eine höhere Bereitschaft haben, mit uns ins Gespräch zu kommen und unsere Interessen als Aktionär zu berücksichtigen. Die zunehmende Erkenntnis, dass wir nicht nur als kurzfristige Investoren in China sind, trägt dazu bei, unseren Dialog mit den Unternehmen, in die wir investieren, zu verbessern. Dies sind einige der greifbaren Fortschritte auf dem Markt.

Risikohinweis
Risikohinweis - Der Wert jedes Investments und die Einkünfte daraus können sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise weniger als den investierten Geldbetrag zurück.