Kann „grüne Diplomatie“ den kalten Krieg verhindern?

Der Alaska-Gipfel zeigt, wie frostig die Beziehungen zwischen den USA und China geworden sind. Eine Zusammenarbeit beim Klimawandel könnte die beste Chance für beide Seiten darstellen, ihr Verhältnis zu kitten.

Der neue US-Präsident Joe Biden war noch nicht mal richtig in sein Oval Office eingezogen, da befand er sich bereits an einem historisch-kritischen Scheideweg der strategischen Beziehung zwischen den USA und China.

Sollte er die falschen Entscheidungen treffen, könnte er in einen neuen kalten Krieg mit potenziell verheerenden Folgen schlittern. Macht er dagegen alles richtig, könnte er den Grundstein für ein neues Zeitalter gemeinsamen Wachstums und Wohlstands legen.

Biden weiß, welche Vorteile mit der nachhaltigen Strategie eines politischen und wirtschaftlichen Dialogs mit China verbunden sind – nach der konfliktorientierten, häufig unberechenbaren Gangart seines Amtsvorgängers Donald Trump.

So ordnete er im Februar nur einen Monat nach seinem Amtsantritt eine strategische Überprüfung an, um die US-Politik gegenüber China mit Blick auf Verteidigung, Technologie, Nachrichtendienst sowie Chinas Verbündete in Asien zu bewerten.

Diese Überprüfung fällt zufälligerweise mit dem 50. Jahrestag eines bedeutenden Durchbruchs zusammen, der die Beziehungen zwischen den USA und China nach 15 Jahren aus dem diplomatischen Stillstand herausgeführt hatte.

Beide Seiten hatten seinerzeit bei den Tischtennisweltmeisterschaften im April 1971 in Japan öffentlich das Eis gebrochen. Dass die US-Tischtennismannschaft danach als Zeichen des guten Willens nach China eingeladen wurde, läutete eine Phase des konstruktiven Engagements ein.

Die später als „Ping-Pong-Diplomatie“ bekannt gewordene Annäherung veranlasste die USA, ihr Handelsembargo aufzuheben, und machte den Weg frei für einen China-Besuch des US-Präsidenten Richard Nixon im Februar 1972. Die Beziehungen normalisierten sich, und China wurde in die Weltwirtschaft integriert.

Hintergrund für die Annäherung war der Kalte Krieg. Amerika befürchtete, dass China mit der Sowjetunion ein kommunistisches Bündnis schmieden könnte, obwohl die Gemeinsamkeiten der beiden Nachbarn in Wirklichkeit aufgrund von Grenzstreitigkeiten immer weiter schwanden.

Hochrangige US-Politiker witterten die Chance, die Sowjets weiter zu isolieren und China im Gegenzug in die internationale Gemeinschaft zu führen. Schlussendlich gelangten sie zu der Auffassung, dass die Vorteile eines Dialogs größer waren als dessen Preis.

Nicht geahnt haben sie dabei möglicherweise den raschen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas, der der Entschlossenheit chinesischer Behörden, den beherzigten Ratschlägen multinationaler Organisationen und Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 geschuldet ist, der seiner Entwicklung kräftigen Auftrieb verlieh.

Inzwischen ist China auf dem besten Weg, die USA in etwas mehr als zehn Jahren nominal betrachtet als weltgrößte Volkswirtschaft abzulösen. Das Pro-Kopf-BIP Chinas hat sich nach unseren Berechnungen im Laufe der letzten 50 Jahre verzehnfacht.

Dass sich China mit bislang einmaligem Tempo entwickelt und an der globalen Vorherrschaft der USA kratzt, hat ein neues Zeitalter wirtschaftlicher und geopolitischer Rivalität eingeläutet.

Obwohl Chinas Wirtschaft größtenteils kapitalistisch orientiert ist, hegen die USA große Bedenken hinsichtlich der Rolle des Staats in der Wirtschaft und der technologischen Entwicklung. Angeprangert werden Subventionen und der eingeschränkte Zugang zu Chinas Märkten, die in den Augen der USA unlauteren Wirtschaftspraktiken sowie Menschenrechtsverletzungen.

China wiederum betrachtet den eingeschränkten Zugang zu Technologien als Versuch der USA, seine Entwicklung zu bremsen. Es ist nachvollziehbar, dass es für China in künftigen Verhandlungen weitaus einfacher wäre, Zugeständnisse bei der Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen zu machen als in Fragen wie Souveränität und Menschenrechten.

Dies sind einige der Faktoren, die einem konstruktiven bilateralen Dialog heutzutage im Wege stehen. Das Alaska-Treffen zwischen dem US-Außenminister Antony Blinken und seinem chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi zeigt, wie sehr sich die Beziehungen vom einst freundschaftlichen Hin und Her der Ping-Pong-Diplomatie entfernt haben.

Ein Bereich von gegenseitigem Interesse, in dem China am ehesten zu einer Kooperation gewillt sein dürfte, betrifft den Klimawandel. So hat das Land einen Plan ausgearbeitet, um bis 2060 Netto-Null-CO2-Emissionen zu erreichen. Wer in China schon mal Zeuge eines „Luftapokalypsenereignisses“ wurde, konnte sehen und riechen, welche Folgen Umweltverschmutzung haben kann. Der Schutz der Volksgesundheit ist eine politische Priorität, nicht zuletzt deswegen, um die Zivilgesellschaft zusammenzuhalten.

Wer in China schon mal Zeuge eines „Luftapokalypsenereignisses“ wurde, konnte sehen und riechen, welche Folgen Umweltverschmutzung haben kann.

Netto-Null-Emissionen zu erreichen, würde einen Wendepunkt in der chinesischen Energieversorgung darstellen und wäre mit Kosten verbunden. In früheren Klimaabkommen wurde anerkannt, dass die Kosten zur Senkung der Umweltverschmutzung für Schwellenländer höher sind als für Industrieländer und die Umsetzung die Entwicklung der Schwellenländer bremsen kann.

Durch den eingeschränkten Zugang zu Technologie behindern die USA möglicherweise Chinas Entwicklung und erhöhen dessen Kosten für die Ökologisierung der Wirtschaft.

Doch ohne China wird die Welt nur eine geringe oder überhaupt keine Chance haben, die Netto-Null-Ziele, die im Pariser Klimaabkommen von 2015 im Rahmen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen verankert sind, zu erreichen.

Demgemäß müsste ein Kompromiss vorsehen, die Kosten für China anzuerkennen, während das Land gleichzeitig ermuntert wird, seine Netto-Null-Pläne unter Dach und Fach zu bringen oder die Umsetzung gar zu beschleunigen. In diesem Sinne hätte die gesamte Welt einen Nutzen, und China hätte Zugeständnisse gemacht.

Wenn sich beide Seiten auf eine grüne Agenda verständigen können, die einige der offensichtlichsten Gräben in ihren jeweiligen Positionen überbrückt, könnte am Ende ein konstruktiverer Dialog winken.

Zumindest könnte dies den USA Zeit geben, ihre Beziehung mit China einer neuen Kosten-Nutzen-Analyse zu unterwerfen, und die Weichen für eine nachhaltige Strategie künftiger US-Administrationen stellen.

Gegenwärtig müssen die USA entscheiden, mit welchen Kompromissen sie leben können, gleichzeitig aber auch ihre langfristigen Ziele stecken und ausloten, wie eine fruchtbare künftige Beziehung aussehen könnte.

50 Jahre später bietet die grüne Diplomatie die beste Chance, den Beziehungen zwischen den USA und China zu einem neuen Durchbruch nach dem Ping-Pong-Vorbild zu verhelfen. Möglicherweise könnte dies gerade ausreichen, um einen neuen kalten Krieg abzuwenden.

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