Antworten auf fünf wichtige Anlegerfragen zu China

Inmitten der Covid-19-Pandemie wägt unser Team die Aussichten für eine Erholung der chinesischen Wirtschaft und ein erneutes Erstarken der Aktienmärkte ab.

Im Zuge der Pandemie wurde deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Länder für die Bewältigung einer derartigen Krise gerüstet sind.

Wird China eine „V-förmige“ Konjunkturerholung erleben?

Wir stehen erst am Beginn einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herkulesaufgabe. Die Regierungen weltweit sehen sich mit dem Problem konfrontiert, die Wirtschaft einerseits schnell genug wieder zu öffnen, um eine Erholung zu unterstützen, aber andererseits den Lockdown nicht zu rasch zu lockern, um das Aufkommen neuer Infektionswellen zu vermeiden – ein Drahtseilakt. Insbesondere aber hat die Pandemie verdeutlicht, wie unterschiedlich die einzelnen Länder gerüstet sind, diese Krise zu bewältigen und ihr Ausmaß einzudämmen, ehe die Erholung wieder einsetzen kann. „First in, first out“, so lässt sich die Situation der chinesischen Wirtschaft beschreiben, weshalb die Chancen auf eine „V“-förmige Erholung eigentlich nicht schlecht stehen sollten, d. h. die Konjunktur könnte wieder an die Situation vor Pandemiebeginn anknüpfen. Tatsächlich wies China für das zweite Quartal eine sehr starke BIP-Entwicklung aus, und die Wirtschaftsaktivität erreichte wieder das Niveau des vierten Quartals des Vorjahres. Der jüngste Virus-Neuausbruch in Peking deutet jedoch darauf hin, dass die Erholung möglicherweise nur schrittweise vorangeht, und die erneute Einführung von Eindämmungsmaßnahmen dämpfen sowohl den Konsum als auch das Vertrauen. Insgesamt rechnen wir mit einer eher verhaltenen Konsumbereitschaft der Haushalte, was den Aufschwung in China beeinträchtigt und die Chance auf eine vollständige Erholung mindern dürfte. Auch die Intensivierung der Spannungen zwischen den USA und China könnte sich negativ auf Chinas langfristige Wachstumsaussichten auswirken, und eher auf eine umgekehrte „J“-förmige als eine „V“-förmige Erholung schließen lassen.

Wie werden die Märkte darauf reagieren, dass China für dieses Jahr keine BIP-Wachstumsprognose veröffentlicht?

Es ist das erste Mal seit 1990, dass China keinen Zielwert für das BIP-Wachstum vorgibt. Wir betrachten dies als nachvollziehbare und begrüßenswerte Reaktion auf die Unsicherheiten hinsichtlich der Wachstumsaussichten. Ein zu hohes Wachstumsziel hätte deutlich mehr Stimulierungsmaßnahmen erfordert als die Behörden zu ergreifen bereit waren, eine zu vorsichtige Prognose hätte negative Auswirkungen auf das Vertrauen und die Märkte riskiert. Zudem ließe sich die Gefahr einer großen externen Belastung aufgrund des schwachen Handels mit den USA und der Eurozone kaum ausgleichen, ohne das Inlandsgeschäft extrem anzukurbeln. Es ist unwahrscheinlich, dass China dauerhaft auf BIP-Vorgaben verzichten wird, auch wenn wir dies positiv beurteilen würden (denn das würde Qualität vor Quantität bedeuten). Ohne Covid 19 hätte die Regierung das BIP-Ziel bei 6% angesetzt, was keinen Zweifel am Wachstumshunger gelassen hätte. Mehr Aufschluss über den Weg, den die Politik einschlagen wird, gibt die Entwicklung des Arbeitsmarktes, nicht des BIP. Der Umfang der weltweiten Rezession war bereits gut eingepreist, eher der Schaden letztlich sichtbar wurde. Die Unterstützung seitens der Politik hat seitdem die Wahrscheinlich eines Worst-Case-Szenarios verhindert und insbesondere die schnelle Erholung bei Aktien begünstigt. Die Märkte reagieren jedoch nicht nur auf Wirtschaftsdaten – entscheidenden Einfluss haben auch Aspekte wie die weitere Verbreitung des Virus und das Ausmaß, in dem eine Lockerung von Eindämmungsmaßnahmen wie Social Distancing möglich ist, ohne einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen auszulösen.

Welche Faktoren sollten Anleger im Auge behalten, wenn es um den wirtschaftlichen Neustart Chinas geht?

China könnte weniger schwer an den wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Krise zu tragen haben als die meisten großen Wirtschaftsnationen, da das Land effektive Gegenmaßnahmen ergriffen hat. Jetzt ist die Regierung bestrebt, die Wirtschaft wieder hochzufahren, ist sich aber wohl bewusst, dass die Erholung der Weltwirtschaft mehr Zeit in Anspruch nehmen wird. Für Anleger bedeutet dieser frühere konjunkturelle Neustart, dass sie den Ausblick für die Gewinne chinesischer Unternehmen besser einschätzen können als für Aktien in anderen Regionen. Darüber hinaus befinden sich Kunden und Lieferketten der binnenwirtschaftlich orientierten Unternehmen weitgehend in China. Damit fällt der Löwenanteil ihrer Einnahmen und Kosten in Renminbi an. Dies bedeutet, dass sie relativ gesehen stärker geschützt sind vor den Auswirkungen der Covid-19-Krise und des Handelskriegs.

Wenn es in China zu einem erneuten Ausbruch käme, wie würde sich das auf den Markt für A-Aktien auswirken?

Alle Länder sind dem Risiko neuer Infektionswellen ausgesetzt. Aber der autoritäre Regierungsstil mit effizienter politischer Entscheidungsfindung und einem ebenso effizienten politischen Apparat ermöglicht es China, schnell und entschlossen auf neue Covid-19-Ausbrüche zu reagieren, wodurch es im Vergleich zu anderen Ländern gut positioniert ist. Die jüngste Verschärfung der Maßnahmen in Peking sind ein Beispiel dafür, wie entschieden die Regierung bei neuen Ausbrüchen vorgeht. Aber noch ist es zu früh, um zu behaupten, die Situation sei unter Kontrolle. Eine vollständige globale Erholung wird viel Zeit in Anspruch nehmen, und sollte diese Pandemie noch wesentlich länger andauern, würden wir uns Sorgen über einen Einbruch der Nachfrage aus Europa und den USA machen. Aus Marktperspektive sind Aktien mit Volatilität konfrontiert. Doch der Markt für A-Aktien hat die Weltaktienmärkte im bisherigen Jahresverlauf weiter hinter sich gelassen, was möglicherweise als Indiz für das Vertrauen der Anleger in die Behörden und ihr bisheriges Krisenmanagement gewertet werden kann. Ein schwerer Ausbruch würde wahrscheinlich zu erneuter Volatilität führen, obwohl China über die politischen Werkzeuge und den Spielraum für weitere Unterstützungsmaßnahmen verfügt, um der Wirtschaft durch einen weiteren Schock zu helfen.

Sollten Anleger angesichts der Gewinne bei A-Aktien lieber investieren oder doch besser Vorsicht walten lassen?

Obwohl der Markt für chinesische A-Aktien 2020 weltweit zu den Börsen mit der besten Wertentwicklung zählt, sollte man bedenken, dass die Rally historisch betrachtet auf äußerst günstigen Niveau begonnen hat. Der MSCI China A Onshore Index bewegt sich aktuell praktisch auf seinem Zehnjahresdurchschnitt, weist aber auf Basis des Kurs-Buchwert-Verhältnisses noch immer einen Abschlag von 40% auf den S&P 500 Index auf. Die Bewertungslage sollte demnach zwar im Auge behalten werden, von einem allgemeinen Überschwang kann aber noch keine Rede sein. Tatsächlich ist der Markt für A-Aktien ineffizient und wird dominiert von Retail-Anlegern, die sich tendenziell stärker von den aktuellen Schlagzeilen als von Fundamentalfaktoren leiten lassen. Dies geht häufig mit Fehlbewertungen einher, weshalb der Markt für Stock Picker interessant ist. Wir raten Anlegern, die Unternehmen sorgfältig zu prüfen und nur in Qualität zu investieren. Darunter verstehen wir eine starke Bilanz, stabile und diversifizierte Gewinne, gute Governance-Standards sowie ein erfahrenes und erfolgreiches Managementteam. Dies gewährleistet am ehesten fortlaufende und langfristige Gewinne. Unserer Überzeugung nach besteht die beste Strategie darin, sich bei Unternehmen zu engagieren, die von der schnell wachsenden Gruppe der Premium-Konsumenten in China profitieren dürften. Höhere verfügbare Einkommen sollten die Nachfrage in Segmenten wie Gesundheitsprodukte, Vermögensverwaltungsdienstleistungen und Versicherungen anfachen. Intakt bleiben derweil auch strukturelle Wachstumstreiber wie die Annahme von Cloud-Anwendungen, 5G, digitale Interkonnektivität, E-Commerce und künstliche Intelligenz. Es bieten sich also durchaus gute langfristige Chancen.

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