Singles‘ Day demonstriert Chinas Konsumkraft

Die verschwenderisch hohen Rekordumsätze am Singles‘ Day verdeutlichen die wirtschaftliche Unabhängigkeit Chinas.

Überdies sind sie ein Beleg für die Kaufkraft der chinesischen Verbraucher, die in dem Shopping-Rausch am jährlichen Singles‘ Day zum Ausdruck kommt.

Der Singles‘ Day (siehe Box unten) fällt auf den 11. November, an dem die chinesischen Verbraucher in diesem Jahr Käufe im Umfang von schätzungsweise 268 Mrd. RMB (38 Mrd. USD) tätigten. Dieser Wert stellt einen neuen Rekord dar und fällt um über 25% höher aus als im Vorjahr. Der Brutto-Warenumsatz auf Online-Handelsplattformen dürfte noch höher liegen, da die damit verbundenen Umsätze vor und nach dem Singles‘ Day mit eingerechnet werden. Dieser belief sich im letzten Jahr auf 314 Mrd. RMB (45 Mrd. USD).1

Da die Zahl der aktiven Internetnutzer laut Angaben von Tencent bei rund einer Milliarde liegt, stellen die E-Commerce-Kanäle mittlerweile ein wesentliches Instrument für die Regierung dar, mit dem sie die Abhängigkeit der Wirtschaft von Exporten verringert und diese stärker auf den Binnenkonsum und Dienstleistungen ausrichtet. Letztere tragen inzwischen mehr als die Hälfte zum BIP-Wachstum Chinas bei.

Während der Handelsstreit zwischen den USA und China weiter Bestand hat, steht der Überschwang im Zuge des Singles‘ Day in starkem Kontrast zum derzeit rückläufigen globalen Wachstum.

Zwar schwächen sich einige wesentliche Konjunkturindikatoren in China ab, darunter die Einzelhandelsumsätze. Im Premiumsegment, z.B. in Bereichen wie Konsumgüter, Dienstleistungen und Reisen, ist hingegen eine Zu- und keine Abnahme des chinesischen Konsums zu beobachten.

Die meisten Unternehmen, mit denen wir auf unseren jüngsten Research-Besuchen in Peking, Shanghai, Hangzhou und Shenzhen Gespräche geführt haben, nehmen eine vorsichtige Haltung ein, da Unsicherheit darüber besteht, wann die Konjunkturerholung einsetzen wird. In der Öffentlichkeit macht sich jedoch kein Abschwung bemerkbar. Die Straßen sind vollgepackt mit Autos, in den Geschäftsvierteln wimmelt es von kauflustigen Konsumenten und die Menschen gehen immer noch zum Essen aus.

Obschon der Preis eines Kaffees bei Starbucks in China zu den höchsten im asiatischen Raum zählt2, erfreut sich die Kette weiterhin großer Beliebtheit unter den Einheimischen - trotz günstigerer Angebote von Konkurrenten in unmittelbarer Nähe.

An den Flughäfen drängen die Massen in die Duty-Free-Shops, wobei Beauty-Produkte besonders begehrt sind. Die Zahl der an inländischen Flughafen-Terminals in Peking und Shanghai angebotenen Luxusmarken fällt so hoch aus wie nie zuvor. All diese Faktoren sprechen für die anhaltende Belastbarkeit der wachsenden chinesischen Mittelschicht.

Etwa 39% der chinesischen Bevölkerung werden heute zur Mittelschicht gerechnet – 1999 waren es nur 2%. Dies entspricht einer halben Milliarde Konsumenten mit mittlerem Einkommen.3

Rund 60% der Menschen in China leben heute in urbanen Gebieten, und ihre Zahl steigt. Immer mehr Menschen zieht es auf der Suche nach besseren Arbeitsplätzen, besserer Gesundheitsversorgung und Bildung in die Städte. Damit werden die Menschen auch wohlhabender. Im Jahr 1960 lag das Pro-Kopf-BIP in China bei 100 USD. Heute sind es 7.500 USD4 und in Shanghai sogar 20.000 USD.5

Das Durchschnittsgehalt hat sich in China seit der Finanzkrise 2008 mehr als verdoppelt. Gleichzeitig haben die hohen Immobilienpreise und der florierende Aktienmarkt dazu geführt, dass sich die Mittelschicht des Landes reich fühlt.

Steigender Wohlstand und Lebensstandard bedeuten, dass in China die Nachfrage nach höherwertigen Waren und Dienstleistungen rasch wächst. Dies dürfte unseres Erachtens die zunehmende Nachfrage nach High-End-Produkten weiter ankurbeln und zu zusätzlichen Ausgaben führen.

In China leben 380 Millionen Millennials mit frei verfügbarem Einkommen, die mehr Geld ausgeben als die Generation ihrer Eltern. Sie erwerben Luxusgüter, verreisen öfter und sorgen sich mehr um ihre Gesundheit.

Mit der steigenden Kaufkraft gehen Anlagegelegenheiten für Investoren einher. Diese haben vor allem in den Segmenten Konsumgüter, Reisen und Gesundheit zugenommen. Zudem ist auch eine strukturelle Nachfrage nach Finanzdienstleistungen zu beobachten. Dies sind einige der Dinge, die mit steigendem Wohlstand nachgefragt werden. Für Stock-Picker, wie wir es sind, eröffnet dies Investment-Chancen bei Unternehmen, die von diesen Entwicklungen profitieren dürften.

Darüber hinaus verfügen die Behörden über geld- und fiskalpolitischen Spielraum, das Wachstum anzukurbeln. Erst kürzlich nahm die Regierung gezielte Mehrwertsteuersenkungen und eine Reduzierung der Einkommensteuer für Privatpersonen mit niedrigem und mittlerem Einkommen vor.

Dies bedeutet laut Weltwirtschaftsforum, dass etwa 80 Millionen Chinesen keine Einkommensteuer mehr zahlen müssen.6 Wir gehen davon aus, dass sich diese Einsparungen auch in der Wirtschaft bemerkbar machen und den Konsum ankurbeln werden.

Angesichts des globalen Konjunkturabschwungs fallen Chinas Wachstumsperspektiven weiterhin stark aus. Für Unterstützung sorgen dabei der zunehmende Wohlstand, die Urbanisierung und ein enormer Konsummarkt sowie gezielte geld- und fiskalpolitische Stimuli.

Der Singles‘ Day ist das beste Beispiel hierfür und zudem ein Beleg für die anhaltende Konsumkraft Chinas.

SINGLES DAY

Der Singles‘ Day soll seinen Ursprung 1993 an der Nanjing-Universität nahe der Ostküste Chinas als Möglichkeit genommen haben, das Single-Dasein zu feiern und andere alleinstehende Menschen kennenzulernen. In der Folge hat er sich zu einem allgemeinen Konsumfeiertag entwickelt, ähnlich Thanksgiving in den USA oder Weihnachten im Westen.

Der 11. November, d.h. der 11. Tag des 11. Monats, wurde gewählt, da die Zahl 1 für das Single-Dasein steht. Der Singles‘ Day stellt mittlerweile den umsatzstärksten Shopping-Tag der Welt dar. Dieses Jahr belief sich der Umsatz laut South China Morning Post auf 268,4 Mrd. RMB (38,4 Mrd. USD).

Alibaba, das weltweit größte Online-Handelsunternehmen, hatte über seine E-Commerce-Marktplätze Taobao und Tmall den größten Anteil am Umsatz. Auf Letztere entfielen im vergangenen Jahr beinahe 70% der Online-Handelsumsätze am Singles‘ Day.7


1Analyse von AllianceBernstein, Oktober 2019

2Finder, The Starbucks Index 2019, September 2019

3The Emerging Middle Class in Developing Countries, Homi Kharas, Januar 2010

4IWF, World Economic Outlook Database, Oktober 2014. Pro-Kopf-BIP auf Grundlage des aktuellen Preisniveaus

55 Analyse von Brookings, Oxford Economics, Moody’s Analytics, US Census Bureau, November 2012. Pro-Kopf-BIP auf Grundlage des aktuellen Preisniveaus

6https://www.weforum.org/agenda/2019/03/80-million-chinese-people-no-longer-pay-income-tax/

7Analyse von AllianceBernstein, Oktober 2019

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