USA gegen China – steuern wir auf einen ausgewachsenen Handelskrieg zu?

Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat sich dramatisch zugespitzt. Noch vor wenigen Wochen hatten wir eine eher rasche Lösung des Konflikts vorhergesagt – möglicherweise schon im Juni. Aufgrund der jüngsten Entwicklungen haben wir unsere Einschätzung jedoch geändert. Nach wie vor sind wir überzeugt, dass sich die Kontrahenten einigen können. Der Weg zu einem Abkommen erscheint nun jedoch länger und steiniger. Zudem besteht die Gefahr einer weiteren Eskalation. Aus dieser Gemengelage ergeben sich folgende Fragen: Was bedeutet das für unsere Anleger und wie positionieren wir unsere Portfolios?

Die Spannungen eskalieren

Alles schien sich doch noch zum Guten zu wenden. Im Vorfeld des G20-Gipfels im November erklärte US-Präsident Trump, er sei mit Blick auf die Verhandlungen positiv gestimmt. Auch aus Peking kamen freundliche Töne. Nach weiteren Gesprächen hochrangiger Vertreter beider Länder wuchs die Hoffnung auf ein Abkommen im Mai. Dann aber ließ das Verhandlungsteam der Amerikaner verlauten, China halte seine Zusagen nicht ein. Trump drohte daraufhin in einem Tweet mit der Anhebung der Strafzölle von 10% auf 25% für chinesische Waren im Wert von 200 Mrd. USD. Diese sind inzwischen in Kraft getreten. Ferner kündigte der Präsident an, die USA würden auch die Importe aus China, die bislang noch nicht mit Zöllen belegt sind und sich auf 325 Mrd. USD summieren, ins Visier nehmen. Die Antwort aus Peking ließ nicht lange auf sich warten, das seinerseits auf 60 Mrd. USD an Einfuhren aus den USA höhere Zölle einführte.

Kürzlich dann unterzeichnete Trump ein Präsidentendekret, das amerikanischen Unternehmen de facto die Nutzung von Telekommunikationsausrüstung der beiden chinesischen Firmen Huawei und ZTE untersagt. Zur Begründung verwies er auf die nationale Sicherheit. Huawei befindet sich auf dem Papier im Besitz seiner Mitarbeiter, wobei jedoch unklar ist, wie groß der Einfluss der Regierung auf das Unternehmen ist. US-Firmen müssen nun eine Lizenz erwerben, wenn sie Huawei die hochspezialisierten Produkte verkaufen wollen, die es zur Herstellung seiner Mikrochips benötigt. China antwortete mit der Drohung, keine Sojabohnen mehr in den USA kaufen zu wollen. Für Amerikas Farmer ist China ein wichtiger Markt: Nach Angaben von Forbes gingen 2017 57% der Sojabohnen-Exporte aus den USA nach China. Peking warnte zudem, man denke über einen Exportstopp von seltenen Erden in die USA nach. Diese sind für die Herstellung von High-Tech-Verbraucherelektronik wie iPhones unverzichtbar. Der Handelskrieg mit Straf- und Vergeltungszöllen geht also weiter.

Huawei-Sanktionen und ihre Folgen

In der weltweiten Technologie-Lieferkette ist Huawei ein wichtiges Glied. Seine neusten Geschäftszahlen belegen einen Umsatz von 105 Mrd. USD im letzten Jahr. Aus dem zugehörigen Geschäftsbericht ging zudem hervor, dass Huawei für bis zu 5,3% der globalen Halbleiterumsätze verantwortlich ist – das entspricht 25 Mrd. USD. Daher ist mit erheblichen Turbulenzen im Tech-Sektor zu rechnen, sollte Huawei für längere Zeit nur mit Mühe außerhalb Chinas Käufer für seine Smartphones finden.

Je länger der Konflikt dauert, desto nervöser werden Anleger und Unternehmen. Im Technologiesektor könnte es durchaus zu Einschnitten bei Investitionen kommen. Damit würde auch die Nachfrageerholung bei Halbleitern in der zweiten Jahreshälfte schwächer ausfallen als erwartet. Hinzu kommt, dass Huawei zu den weltweit wichtigen Akteuren beim Mobilfunknetz der nächsten Generation gehört. Dass es von Trump auf die schwarze Liste gesetzt wurde, könnte den Ausbau des 5G-Netzes verzögern. Da Huaweis Marktanteil sinkt, wird jedoch möglicherweise die Konkurrenz, wenn man ihr genügend Zeit lässt, die Lücke schließen.

Was bedeutet das für unsere Strategie?

Die jüngsten Verwerfungen sind auch an unserem globalen Emerging-Markets-Portfolio nicht spurlos vorübergegangen. Zu unseren wichtigen Aktien gehören Samsung Electronics und Taiwan Semiconductor Manufacturing Co (TSMC), die sich bereits seit 17 bzw. 14 Jahren in unserem Portfolio befinden. Die Aktienkurse beider Firmen gingen als Reaktion auf Trumps Ankündigung auf Talfahrt. Das verdeutlicht die Komplexität und Wechselwirkungen im Tech-Sektor. Es zeigt aber auch, wie gravierende Veränderungen den Geschäftsverlauf empfindlich stören können. Beide Unternehmen profitieren jedoch von klaren ökonomischen Wettbewerbsvorteilen und wachsenden Eintrittsbarrieren. Zudem sollte ihnen das strukturelle Wachstum der Rechenleistung zugutekommen. Deren Zunahme ergibt sich nicht nur aus künstlicher Intelligenz und immer größeren Datenzentren, sondern auch aus autonomem Fahren, Hochleistungscomputern und 5G.

Damit sollen jedoch die aktuellen Herausforderungen, denen sich die Unternehmen gegenüber sehen, nicht relativiert werden. Bei Samsung hatte man eine Ausweitung des Marktanteils im Zuge des 5G-Ausbaus erwartet. Das ist nun fraglich. Zudem wird sich in der zweiten Jahreshälfte die Nachfrage nach Speicherchips abschwächen. Der Grund: Huawei hatte in den ersten sechs Monaten in Erwartung der Sanktionen Chips auf Vorrat gekauft und damit die Nachfrage künstlich angefacht. Aber es gibt nicht nur Verlierer. Samsung ist einer der Wettbewerber von Huawei bei Mobiltelefonen. Mit dem Handelsverbot gegen Letzteres dürfte der koreanische Handyhersteller seinen Absatz steigern. Vor allem in Europa, wo Huawei in den letzten Jahren zu Samsung aufgeschlossen hatte. Für Samsung ist der chinesische Telekomausrüster hingegen nur ein kleiner Speicher- und Display-Kunde – dessen fehlende Nachfrage durch andere kompensiert werden kann.

Auf längere Sicht dürfte bei Samsung der Umsatz mit Arbeitsspeicherchips (DRAM) auch weiterhin den Ertrag beflügeln. Bei DRAMs handelt es sich um einen konsolidierten Markt mit hohen Eintrittsbarrieren. Die drei größten Anbieter bringen es nach Angaben von Bernstein zusammen auf einen globalen Marktanteil von 97%. Von ihnen ist Samsung mit einem Anteil von nahezu 50% am operativen Ergebnis der Branche die Nummer eins. Und da Computer immer komplexer werden, wird auch die DRAM-Nachfrage steigen. Daneben nimmt auch die Preissetzungsmacht zu.

Für TSMC besteht das größte Risiko auf mittlere Sicht darin, dass eine Verschärfung der Gesetzeslage es ihm unmöglich machen könnte, Huawei weiter zu beliefern. Zusätzlich könnte dem Konzern eine durch den Handelskrieg beschränkte Einfuhr von iPhones nach China zu schaffen machen. Dies könnte jedoch durch den steigenden Absatz von Huawei-Produkten im Inland ausgeglichen werden, da die Sanktionen verstärkt nationalistische Gefühle bei Chinesen wecken könnten. TSMC bleibt außerdem führend bei hochspezialisierten Wafern und hat in der Vergangenheit schon häufig die Grenzen in der Technologie verschoben. Da ist es vorteilhaft, dass die langfristige Dynamik die Weiterentwicklung von Wafern stützt. Während sich also der Sektor in den nächsten Jahren neu positioniert, dürfte TSMC durch seine Technologieführerschaft, seinen Wettbewerbsvorsprung und seine Größe auf lange Sicht im Vorteil sein.

Deal oder kein Deal?

Es ist nicht zu übersehen, dass die Maßnahmen und Rhetorik im Handelsstreit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften an Schärfe zugenommen haben. Derzeit scheinen die beiden Kontrahenten unterschiedliche Vorstellungen davon zu haben, was „fair“ ist. Trump ist der Ansicht, dass Zölle den gewünschten Effekt haben. Folglich drohte er unlängst auch Mexiko im Streit um die Grenzsicherheit mit Abgaben. Nach Zugeständnissen vonseiten Mexikos konnte ein Handelskrieg abgewendet werden. Das könnte Trump auch in der Auseinandersetzung mit China in seiner Haltung bestärken. Zudem wird hieran deutlich, dass er bereit ist, den Handel als Instrument zur Bestrafung von Freund wie Feind zu nutzen. Die Europäische Union sollte daher auf der Hut sein.

Nach aktueller Sachlage werden wir nach dem G20-Gipfel Ende Juni klarer sehen. Unterdessen droht Trump bereits mit einer neuen Zollrunde, sollte sich Präsident Xi Jinping weigern, Trump zu treffen und mit ihm über das Thema Handel zu sprechen. Anleger jedenfalls haben sich mit der Aussicht auf weitere heftige Turbulenzen schon mal angeschnallt. Viele haben in Erwartung negativer Auswirkungen Absicherungspositionen erworben.

Aber trotz des jüngsten Säbelrasselns halten wir ein Abkommen nach wie vor für das wahrscheinlichste Ergebnis. Für beide Seiten steht einfach zu viel auf dem Spiel. Chinas Wirtschaft leidet bereits unter dem Druck der Amerikaner. Die wiederum haben unlängst ein 16 Mrd. USD schweres Hilfspaket für ihre vom Handelsstreit gebeutelten Farmer geschnürt. Was könnte den Konflikt aus der Sackgasse herausführen? Der zunehmende Stress am Markt brachte die Verhandlungsführer beim letzten Mal, als die Stimmung hochkochte, dazu, nach einem gemeinsamen Nenner zu suchen. Ähnliche Verwerfungen könnten sie auch dieses Mal zum Einlenken bewegen.

Abschließende Erwägungen …

Nach dem jüngsten Ausverkauf könnten sich interessante Kaufgelegenheiten bieten. Aber wegen des unsicheren Umfelds ist Vorsicht geboten. Nach wie vor konzentrieren wir uns auf starke Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen, gutem Management und gesunden Bilanzen. Wir sind überzeugt, dass wir damit das Portfolio in die Lage versetzen, den in den nächsten Monaten möglicherweise bevorstehenden Turbulenzen standzuhalten.

Risikohinweis
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