Die Schwellenländermärkte in Zeiten des Coronavirus

Die Märkte der Schwellenländer (Emerging Markets, EM) sind nicht immun gegen die vom Coronavirus verursachten globalen Marktschocks.

Als erste Berichte über Covid-19 (Coronavirus) aufkamen, zunächst in China und dann weltweit, wurden diese von den Märkten weitgehend ignoriert. Der Ausbruch galt zunächst als primär chinesisches Thema, das an SARS Anfang der 2000er-Jahre erinnerte. Es wurde von einer vorübergehenden Marktschwäche ausgegangen, bis sich bei der Anzahl der Neuansteckungen ein Rückgang abzeichnen würde.

Das Virus hat sich inzwischen aber weit über die Grenzen Chinas hinaus verbreitet und zu einer globalen Pandemie geführt. Die globalen Konjunkturerwartungen änderten sich vor diesem Hintergrund Anfang März drastisch und werden seitdem praktisch täglich neu angepasst. Die Prognosen für das Weltwirtschaftswachstum in diesem Jahr werden vermutlich 40-Jahres-Tiefs erreichen.

Was die Zukunft bringen wird, lässt sich nur schwer vorhersagen, aber Covid-19 wird sicherlich die Schlagzeilen in der nächsten Zeit beherrschen und zwei Probleme für die Märkte mit sich bringen.

Das erste Problem betrifft die Nachfrageseite. Als Folge des plötzlichen Rückgangs der Wirtschaftsaktivität werden viele Unternehmen beispiellose Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Vermutlich wird es nur wenigen Firmen gelingen, ihre Kostenbasis schnell genug an diesen Rückgang anzupassen, sodass Bilanzen und Cashflows stärker unter Druck geraten dürften. Für kleine und mittlere Unternehmen wird dies wohl ein akutes Problem darstellen, denn sie weisen in der Regel weniger diversifizierte Einnahmenströme auf, sind stärker konsumorientiert, und ihr Zugang zu Finanzierungen ist eingeschränkter.

Das zweite Problem, dem sich die Märkte gegenübersehen, betrifft die Liquidität – und zwar einerseits die Marktliquidität und andererseits die Unternehmensliquidität. Erstere könnte insofern ein Thema werden, als Marktverluste ein angespannteres finanzielles Umfeld nach sich ziehen, was wiederum die Märkte noch weiter nach unten drücken könnte. Letztere ist problematisch, denn bei einer Abschwächung der Cashflows der Unternehmen steigt die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen, was die Wirtschaft im großen Stil belasten könnte. Infolge von Unternehmensinsolvenzen wird Personal abgebaut und scheiden Menschen aus dem Erwerbsleben aus, was eine größere strukturelle Gefahr für die Wirtschaft darstellen würde als der gegenwärtige Liquiditätsbedarf.

Diese Probleme materialisieren sich in einer Zeit, in der die Ölmärkte infolge eines doppelten Schocks ins Wanken geraten sind. Die rapide Verlangsamung der Wirtschaftsaktivität hat zu einem Rückgang der Nachfrage geführt. Zudem kommt aufgrund des Preiskriegs zwischen Saudi-Arabien und Russland auch ein Angebotsschock zum Tragen. Niedrigere Ölpreise kommen zwar den Konsumenten zugute, unterbrechen allerdings die Lieferketten und Investitionen, was wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zieht, die durch die Coronakrise noch verstärkt werden könnten.

Regierungsmaßnahmen sind das A und O, um gegen die gravierenderen strukturellen Probleme vorzugehen.

Bislang haben die Notenbanken die Zinsen gesenkt und Liquidität in die Märkte gepumpt. Das ist zwar ein wichtiger Schritt, doch müssen weitere fiskalpolitische Maßnahmen folgen, damit das Vertrauen schließlich ausreicht, um die Märkte wieder zu stabilisieren. Die Märkte werden sich aber nur dann wieder nachhaltig erholen, wenn zuversichtlich davon ausgegangen werden kann, dass die Verbreitung des Virus eingedämmt wird.

Das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 lassen sich derzeit zwar noch nicht fassen, historische Entwicklungen können jedoch als Orientierung dienen. China verzeichnete, infolge der Eindämmungsmaßnahmen gegen das Virus, einen – selbst im Vergleich zur globalen Finanzkrise – bislang beispiellosen Rückgang seiner Industrieproduktion. Dies spricht dafür, dass die globalen Konjunkturdaten weiterhin düster ausfallen werden – zumindest vorerst. Blicken wir allerdings weiter zurück, so zeigt sich eindeutig, dass Abwärtszyklen bei den Unternehmensgewinnen tendenziell kürzer und ausgeprägter sind als Aufwärtszyklen, und zwar sowohl in den Schwellenländern als auch in den USA (siehe Grafik 1).

Grafik 1: In der Vergangenheit waren Abwärtszyklen bei den Gewinnen kürzer als Aufwärtszyklen

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Quelle: Bloomberg, März 2020. Der nicht verwaltete S&P 500 Index gilt als repräsentativ für den US-Aktienmarkt. Der MSCI Emerging Markets Index ist ein nicht verwalteter Index, der als repräsentativ für Aktien aus den Schwellenländern gilt. Der Index wird auf der Grundlage der Nettorendite berechnet, bei der die für nicht gebietsansässige Anleger geltenden Steuern abgezogen werden.

Je besser es den Regierungen gelingt, zu verhindern, dass sich Probleme auf der Nachfrageseite und Liquiditätssorgen zu einer strukturellen Krise ausweiten, desto größer ist die Chance, dass sich die Gewinne wieder merklich erholen. Dabei hängt alles davon ab, wie schnell die Coronavirus-Fallzahlen ihren Höhepunkt erreichen. Derzeit ist noch unklar, ob die Pandemie in Wellen über einen längeren Zeitraum andauert oder bis zum Sommer 2020 eingedämmt werden kann. In Hubei, der chinesischen Provinz, in der das Virus zuerst auftrat, erreichten die Fälle Anfang März, etwa sechs Wochen nach dem ersten Anstieg, ihren Höhepunkt. Dies kann zwar eine gewisse Orientierungshilfe bieten, die chinesische Regierung verfügt aber über umfassendere Befugnisse als viele andere Staaten, was es ihr ermöglichte, rasch äußerst strenge Eindämmungsmaßnahmen zu ergreifen. Wir gehen davon aus, dass der „Lock-down“ in anderen Ländern länger andauern muss, da sie nicht so streng vorgehen können. Da die Erholung von der Eindämmung abhängt, rechnen wir mit einem U-förmigen Aufschwung der Volkswirtschaften, sobald die Maßnahmen wieder gelockert werden.

Auch die Schwellenländer reagieren auf den Liquiditätsbedarf, was Grudn zur Hoffnung gibt. Zudem trifft die Krise die Schwellenländer in einer Phase solider Bilanzen, was eine gute Voraussetzung für eine Erholung sein könnte. Auch die Reformbestrebungen, vor allem in Brasilien, sind ermutigend.

Die aktuelle Marktsituation erinnert zwar in vielfacher Hinsicht an das Jahr 2008. Die Volatilität könnte aber langfristig orientierten Anlegern Gelegenheit bieten, Positionen in qualitativ hochwertigen Unternehmen mit guten Bewertungen, die von den gegebenen Marktbedingungen profitieren können, aufzubauen.

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